Auf und ab

Am 5. Mai 2016 bin ich meinen zweiten Halbmarathon in St. Gallen anlässlich des Auffahrtslaufs gelaufen. Als ich mich Ende letzten Jahres angemeldet habe wusste ich bereits, dass es eine Herausforderung werden würde. Nicht wegen der Distanz. Diese war ich nun doch schon vier oder fünf Mal gelaufen. Sondern wegen der vielen Höhenmeter und meines Ehrgeizes.

Während der Wintermonate hatte ich mein Training zurückgefahren. Es war einiges an Effort nötig, um wieder in Form zu kommen. In unseren Frühlingsferien Anfang April waren wir im Verzascatal. Ich wusste, dass ich auch während dieser Ferienwoche trainieren musste und das bergige Gelände kam mir entgegen. Das Wetter war fürchterlich; es regnete dauernd und es war kalt. Aber ich habe ein paar anstrengende Läufe mit vielen Höhenmetern absolviert. Zu Hause bin ich von meiner flachen Laufstrecke am Bodensee auf eine Strecke mit Steigungen umgestiegen.

Um nach 18 km nochmals 100 Höhenmeter zu machen, braucht es schon etwas Übung. Da es keine offizielle Aussage über die zu absolvierenden Höhenmeter beim Auffahrtslauf gibt, will ich hier keine Spekulationen machen. Aber es geht auf jeden Fall ein paar 100 Meter hinauf.

Meine Zweifel, ob ich genügend trainiert hätte, blieben. Mein Ziel, unter 1:45 h zu bleiben, schätzte ich als nicht besonders hoch gesteckt ein. Ich grübelte über die notwendigen Rundenzeiten und erstellte wie das letzte Mal einen Plan für die 21 km. Ich war zwischen «1:45 ist zu schnell» und «nein, eigentlich geht noch mehr» hin- und hergerissen.

In den zwei Wochen vor dem Wettkampf dachte ich über nächste Ziele nach. Ein ganzer Marathon im Herbst? Ich studierte Trainingspläne. Das Training würde noch mehr Zeit in Anspruch nehmen als bisher. Ich stellte mir die 42,2 km als tolle Grenzerfahrung vor. Ich beschloss, meinen Entscheid nach dem Auffahrtslauf zu fällen. Mindestens ein richtiger Entscheid.

Der Donnerstag kam und ich war nicht mehr ganz so nervös wie das letzte Mal. Es galt den Tag zu überstehen, weil es erst um 18.30 Uhr losging. Die Anfahrt war kurz und ich musste nicht lange herumstehen. Lange habe ich noch um die richtige Bekleidung herumstudiert. Am Start schien die Sonne bei knapp 20 Grad mit Bise. Ich blieb bei den kurzen Hosen und T-Shirt.

Am Start drängte sich ein Bekannter in meinem Feld nach vorne. Ich wünschte ihm eine guten Lauf. Auf den ersten Kilometern schon ein paar Anstiege. Die ersten Läufer mit Schnappatmung. Bei mir lief es und ich erreichte die Innenstadt bei KM 9 in guter Verfassung. Ich erinnere mich nur wage an die Strecke und die vielen Leute. Ich war auch noch fit, als es bei KM 12 an die Sitter hinunter ging. Dort standen schon Fackeln am Wegrand und es wurde ziemlich kühl. Mein erster Fehler: keine Jacke anzuziehen.

Nach der Spisegg ging es auf die Alternativstrecke, weil die alte Hängebrücke gesperrt war. Ein Berg-und-Tal-Abschnitt der ersten Güteklasse. Ich hatte diese Extrahöhenmeter nicht einkalkuliert. Ich spürte meine Waden. Dann kam der berüchtigte «Helly-Hansen-Hill», der Aufstieg aus dem Tobel. An meinen Bekannten vom Start kam ich auf einen Meter heran. Dann entglitt er mir und mit ihm meine körperliche und mentale Kraft. Ich wollte anfangen zu Gehen. Ich verfluchte alles. Mir erschien es als Tortur. Erst jetzt begann ich etwas zu trinken. (Mein zweiter Fehler). Ich hielt den Wasser-Pappbecher zerknüllt in der Hand. Meine Umgebung zog wie im Traum an mir vorbei. Ich konnte es nicht fassen: Ich wollte tatsächlich aufgeben. Wären die Zuschauer nicht dagewesen, ich wäre gegangen.

Meine Absicht, mein Wunsch, meine Vorstellung locker-leicht durchs Ziel zu laufen und auf den letzten Kilometern nochmals richtig Gas zu geben waren in diesen letzten Minuten 1000 Meilen entfernt. Am Schluss die Treppe zur AFG-Arena. Dann die Rampe. Nur 30 Meter. Aber aufwärts. Ich glaubte, dass ich sie nicht mehr schaffen würde. Die letzte Runde in der Arena. Keine Chance, nochmals zu beschleunigen. Ich war einfach nur fertig. Im Ziel mit 1:44:47. Mein Ziel erreicht. Aber nicht mein verstecktes Herzensziel, hier einen Exploit zu schaffen. Mein Bekannter mit 30 Sekunden Vorsprung. 30 verfluchte Sekunden. Ich war enttäuscht, obwohl ich hätte glücklich sein müssen.

Ich schüttete Wasser in mich hinein, trank meine Bouillon, ass meinen Ingwer, zog mich um und fuhr so rasch als möglich nach Hause.

Ich habe mir den Spass selbst verdorben. Womit auch immer. Ich war aber um einige Erfahrungen reicher und ich hatte eine Antwort auf meine Marathon-Frage: Die Zeit ist noch nicht reif. Ich bin noch meilenweit davon entfernt. Nächstes Jahr werde ich wieder am Auffahrtslauf dabei sein. Ich werde mich rächen. Ich werde die Fehler von diesem Jahr nicht mehr machen: Mich wärmer anziehen. Mehr trinken unterwegs. Noch gezielter trainieren. Soll mich der Teufel holen, wenn es nächstes Jahr nicht besser läuft!

Nun bleibt mir die Zeit über den Sommer als Vorbereitung auf die Läufe im September und Oktober. Greifensee- und Hallwilerseelauf stehen auf dem Programm. In zwei Wochen am Sempachersee zur Traumaüberwindung.